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Verhaltensaufälligkeiten vs. Störungen

Was bedeutet das überhaupt, wenn wir bei Hunden von Verhaltensstörungen sprechen? Und was sind keine Verhaltensstörungen? Wo kommen die her und warum entwickeln manche Hunde Störungen und andere nicht?

Vorab finde ich es wichtig, zwischen Störungen, Auffälligkeiten und störendem Verhalten zu unterscheiden. Das wird oft vermischt und gesunde Hunde mit Normalverhalten werden nicht selten pathologisiert und damit durch teilweise undurchdachte Umerziehungs- oder Therapiemaßnahmen überhaupt erst krank gemacht. Auch das andere Extrem, nämlich das Nichterkennen von Verhaltensstörungen und Abtun als "Marotte", was wiederum mit massiven Leidensdruck des betroffenen Hundes einhergeht, gibt es garnicht mal so selten.

 

Bitte beachte beim Lesen dieses Artikels, dass dieser für fachfremde Menschen, also ganz normale Hundehaltende verfasst wurde und dementsprechend unwissenschaftlich formuliert und Zusammenhänge teilweise verkürzt dargestellt sind. Ich möchte damit einen Einblick in die Komplexität hundlichen Verhaltens geben und zu einem besseren Verständnis und fairen Umgang beitragen. 

Verhaltensstörung vs. störendes Verhalten

Eine Verhaltensstörung wird definiert als ein Verhaltensmuster, welches immer wiederkehrt oder anhaltend gezeigt wird und soziale Normen oder die körperliche Unversehrtheit des Hundes selbst oder die anderer Lebewesen verletzt. Diese aus der Humanpsychologie abgeleitete Definition ist nicht ausreichend, da dies schließlich auch Jagdverhalten umfassen könnte. Auch dieses wird wiederkehrend und teilweise anhaltend gezeigt und ist unter Umständen für mindestens ein Lebewesen lebensgefährlich. Dafür kann das Jagdverhalten eines Hundes durchaus als störendes Verhalten wahrgenommen werden. Eine Verhaltensstörung ist es deshalb noch lange nicht.

 

Denn:

Störungen sind Verhaltensmuster, die meist tief verwurzelt sind, die anhalten und meist aus starren Reaktionen auf bestimmte Situationen und/oder Reizlagen bestehen UND die vom Verhalten der Mehrheit vergleichbarer Hunde (Rassen oder Typen) deutlich abweichen. 

Dies kann die Wahrnehmung, die Reizverarbeitung, die Emotionslage und eben das funktionelle Verhalten des Hundes beeinträchtigen oder betreffen. Außerdem gehört dazu häufig auch unterschiedliche hohes Maß an Leidensdruck und sozialen Problemen bzw. Konflikten für den Hund.

Verhaltensstörung vs. Verhaltensauffälligkeit

Hier können die Übergänge fließend sein. Eine sich gerade manifestierende Störung ist zum aktuellen Zeitpunkt möglicherweise noch reversibel und der Hund in seinem Muster leicht unterbrechbar oder ansprechbar. Dennoch kann das gezeigte Verhalten bereits auffällig sein.

Eine Auffälligkeit kann und sollte auch unter folgenden Kriterien betrachtet werden:

  1. Im Vergleich zu einem Großteil der Hunde mit Normalverhalten ist das geduckte Anschleichen des Border Collies auffällig. 
  2. Im Vergleich zu einem Großteil der Border Collies mit Normalverhalten ist dieses Hüteverhalten Normalverhalten und überhaupt nicht auffällig, da züchterisch gewollt und genetisch verankert.

Aus diesem Grund ist auch immer das Wissen um Hundetypen, Hunderassen und etwaige Besonderheiten nötig, um Normalverhalten von auffälligem verhalten unterscheiden zu können. Wenn der Dackelbesitzer aus Hintertupfingen zum ersten Mal in seinem Leben einen solchen Border Collie sieht, wird er sich schnell wundern. Über das anhaltende Buddeln und wechselweise Bellen seines Dackels aber keineswegs. Würde man das Normalerverhalten dieses Dackels wiederum mit einem Galgo vergleichen, könnte man den Dackel als vollkommen verrückt und außerhalb jeder Norm wahrnehmen. Der Dackelbesitzer würde den an der Leine quasi unsichtbaren Galgo als "auch nicht ganz normal" abstempeln. 

Ein Galgo wiederum, der sich stundenlang schreiend durch Kaninchenbauten gräbt und bevorzugt mit jedem Lebewesen anlegt, dass mindestens 5 x so groß ist (also bevorzugt, Elche, Elefanten, Pferde und Braunbären) und siegessicher zum Angriff pöbelt, der Zuhause aufgeregt um einen herumwirbelt, Gäste gerne mal durch kleine Wadenkniffe vertreibt und nur zur Ruhe kommt, wenn Alle, ALLE nach seinem Kommando parieren, wäre zumindestens "auffällig" im Vergleich zu seinen Rassekollegen. Für einen Dackel: Total normal, wenn auch störend 🤡

 

Merke: Verhalten das dich und/oder andere stört ist noch lange keine Störung und kann ganz normales Hundeverhalten sein. Eine Verhaltensstörung deines Hundes kann für dich unauffällig sein und dich garnicht bis wenig stören. Ein Verhalten, welches für den einen Hundetyp Normalverhalten darstellt, kann bei einem anderen Hundetyp schon in die Kategorie "verhaltensauffällig" fallen.

Verhaltensstörungen kann man oft daran erkennen dass

  1. sie wiederkehrend auftreten,
  2. oft einem bestimmten Muster oder Ablauf folgen,
  3. keinen wirklichen Sinn ergeben und/oder keine Funktion erfüllen,
  4. der Hund kaum oder garnicht ansprechbar ist und das Verhalten nur schwer unterbrochen werden kann,
  5. der Hund sich selbst (und häufig auch anderen) damit schadet.

Nicht jede Verhaltensstörung bedeutet gleichzeitig dass der Hund "psychisch gestört" ist. Manche Verhaltensstörungen entstehen "zufällig" und durch eine Verkettung ungünstiger äußerer Faktoren und Ereignisse. Aber fast jede Störung im emotionalen Verhalten und Erleben eines Hundes führt auch zu einem gewissen Leidensdruck des Hundes und -für uns meist erst dann erkennbar- auch zu Verhaltensstörungen.

 

Zeigt ein Hund wiederkehrend gestörtes Verhalten geht dies auch dann, wenn der Hund an sich psychisch gesund ist oder war, zu Lasten der psychischen und oft auch physischen Gesundheit des Hundes, führt bei den Menschen störenden Verhaltensweisen zu sozialen Konflikten mit Bezugspersonen (oder Artgenossen) und mündet somit nicht selten in einem psychisch erkrankten Hund.

 

Wie eine Verhaltensstörung entstanden ist, kann oft nicht abschließend geklärt werden, ist manchmal, aber nicht immer, wichtig für den Umgang damit oder die Therapie.

Beispiele für Verhaltensstörungen beim Hund

  • Schwanzjagen, Schattenjagen, Lichtjagen
  • übertriebenes Angstverhalten, Winseln, Bellen, Jaulen und Verkriechen bei bestimmten Auslösereizen
  • gestört aggressives Verhalten (Agressives Verhalten an sich gehört zum Normalverhalten, genauso wie auch Angstverhalten!)
  • selbstverletzendes Verhalten, zum Beispiel wiederkehrendes Benagen und Aufreißen von Hautpartien
  • Anpassungsstörungen, Trennungsprobleme
  • Hyperaktvität
  • Benuckeln und Saugen an Decken u.Ä.
  • Hypersexualität usw.

Achtung: Nicht jeder Hund, der mal seinen Schwanz jagt, hat eine Verhaltensstörung. Fast alle Welpen durchlaufen eine Phase, in der sie ab und an ihren Schwanz jagen und dabei um sich selbst kreiseln. Normalerweise wird das schell langweilig und hört wieder auf.

Jagt ein Hund seinen Schwanz aber häufig in bestimmten Situationen oder als Reaktion auf bestimmte Reize, Reizlagen oder Reizkonstellationen, ist dabei kaum oder nicht ansprechbar, verletzt sich dabei selbst, wiederholt das Verhalten bis zur Erschöpfung, vernachlässigt andere, natürliche Verhaltensweisen und wirkt dabei irgendwie "abwesend" und scheint nicht aufhören zu können, kann man von einer Verhaltensstörung sprechen.

 

Fällt dir in der Küche ein Topf herunter, dein Hund hebt vor Schreck mit allen vier Pfoten vom Boden ab und landet mit einem großen Satz hinter dem Sofa ist das nicht unbedingt übertrieben. Selbst, wenn dein Hund in den kommenden Tagen oder Wochen erst wieder Vertrauen fassen muss und dich argwöhnisch beobachtet, wenn du "diesen einen Schrank öffnest", kann dies Normalverhalten, höchstens auffällig ängstliches Verhalten darstellen.

Musst du deinen Hund jedoch jedes mal winselnd im Keller vorfinden, nur weil dir einmal vor zwei Jahren ein Topf aus der Hand gefallen ist und dein Hund seitdem panisch jaulend in die hinterste Ecke flüchtet und kaum noch ansprechbar ist, sollte eine Angststörung in Betracht gezogen werden. Jedenfalls dann, wenn dies nicht das einzige auffällige Verhalten ist 😉

Ursachen für Verhaltensstörungen

  • Psychische Störungen, die unter anderem auch zu gestörtem Verhalten führen,
  • Gendefekte
  • Hormonelle Störungen, zum Beispiel Störungen im Androgenhaushalt, Schilddrüsenunterfunktion und auch pränatale Einflüsse durch Hormone
  • und/oder andere Entwicklungsstörungen, beispielsweise der Reizverarbeitung
  • chronische Schmerzen, beispielsweise chronische Atemnot, Kopfschmerzen, Hautentzündung, 
  • Traumatisierung
  • zufällige Lernerfahrungen, zufälliges Entdecken stark dopaminausschüttender Verhaltensmuster
  • reizarme Haltung, Deprivation, Bore-out-Syndrom
  • chronischer Stress,
  • Haltungsfehler, Ernährungsfehler
  • Erziehungsfehler, Trainingsfehler
  • absichtliches und wiederholtes Quälen, Erschrecken, Terrorisieren des Hundes
  • dauerhaft unbefriedigtes Bedürfnis, dauerhafter Mangel an etwas
  • ....

Die Ursachen können also total vielfältig sein. Einige Verhaltensstörungen beginnen schleichend. Typisch für einen oft lange unbemerkten Verlauf ist das Benagen bestimmter Körperstellen. Das muss nicht immer gleich eine Verhaltensstörung sein, kann es jedoch werden. Meist durchläuft der Hund hier eine sehr lange, teilweise jahrelange Phase des auffälligen Verhaltens, bis das Benagen, teilweise blutig Beißen bestimmter Bereiche (oft Vorderläufe, Pfotenbereich oder Flanken) sich zu einer tatsächlichen Verhaltensstörung manifestiert hat.

Andere Verhaltensweisen, besonders solche, die stark an Dopaminausschüttung geknüpft sind, können fatal und schnell entstehen und selbst nach wenigen Wiederholungen eines lebenslangen Managements bedürfen. Ein trauriges Beispiel ist das Auslösen von Jagdverhalten durch Laserpointer oder Bälle und Ähnliches. Dies kann bei Hunden mit einer gewissen Veranlagung bereits nach wenigen Wiederholungen zu auffälligem Verhalten bis zu Verhaltensstörungen führen. Ein Hund, der stunden- oder tagelang den Fußboden anstarrt, in der Erwartung "den roten Punkt" zu auftauchen zu sehen und zu hetzen, ist ein trauriger Anblick. Ein Hund, der hechelnd  und schreiend neben seinem Menschen herspringt, weil er einen bestimmten Ball in der Jackentasche vermutet, wird einen sehr einseitigen Spaziergang verbringen, sich weder mit seiner Umwelt, Artgenossen, seinem Menschen, dem Markieren oder Erkunden der Route beschäftigen. Möglicherweise ist diese Störung abstellbar, wenn dieser eine bestimmte Ball im Müll verschwindet. Möglicherweise generalisiert der Hund seine Obsession auf diverse sich schnell bewegende Objekten. Möglicherweise ist diese Störung entstanden, indem der Hund zwei Nachmittage hintereinander exzessivem Ballhetzen ausgesetzt war. 

Haltungsbedingte unechte Verhaltensstörungen

Diese Verhaltensweisen sind keine Verhaltensstörungen, werden aber oft als solche wahrgenommen und bezeichnet. 

Unterscheiden lassen sie sich von echten Verhaltensstörungen dadurch, dass sie 

  • in einem anderen Umfeld abgeschwächt und somit auf einem vergleichsweise normalen Level gezeigt werden,
  • in einem anderem Umfeld eine Funktion erfüllen und so ausgelebt werden können oder sollen, dass erkennbar wird, dass das Unterbinden eines funktionalen Verhaltens zu einer Verhaltensstörung geführt hat, die sich legt, sobald das "eigentliche" funktionale Pendant gezeigt werden kann,
  • Normalverhalten sind, rassetypisches Normalverhalten oder dem Hundetyp entsprechendes, züchterisch gewolltes Verhalten darstellen und lediglich in dem spezifischen, ungeeigneten Umfeld als Verhaltensstörung wahrgenommen werden.

Unechte Verhaltensstörungen sind zunehmend häufiger Thema in der Beratung von Hundehalter:innen. 

Dies liegt zum Einen an der Wahl unpassender Hundetypen für das eigene Leben und Lebensumfeld, unrealistische Vorstellungen und Erwartungen an Hundeverhalten und Hundebedürfnisse und zum Anderen an daraus resultierenden Erziehungsfehlern, Trainingsfehlern und Haltungsfehlern.

 

Beispiele?

Mein Lieblingsbeispiel ist der Herdenschützer, der nachts in den Garten will und dann da steht und das Neubaugebiet gerne auch mal stundenlang in unregelmäßigen Abständen zusammenbellt. Vermeintlich grundlos. Stimmt aber nicht. Er tut genau das, was er soll. Abschrecken, laut sein und zwar schon dann, wenn etwaige Bedrohungen noch so weit weg sind, dass auch eine eventuelle Konfrontation noch in weiter Ferne liegt. 

Sagen wir mal so: Irgendwo in den Bergen würde ich beruhigt schlafen und wissen: Mein Herdenschützer macht seinen Job und lässt jedes Wölfchen wissen, dass die Schäfchen nicht schutzlos darauf warten verspeist zu werden. Meistens ist es ganz still und angeschlagen wird nur, wenn wirklich Gefahr in Verzug ist.

Im Neubaugebiet oder stadtnahen Gegenden ist es verständlich, dass eigentlich gezieltes, nächtliche Bellen aufgrund der Dauerbedrohungslage (in der Stadt gilt: Irgendwas ist immer) Ausmaße annehmen kann, die sowohl für den Hund als auch für das Umfeld zu einer Belastung werden. 

Eine Verhaltensstörung ist das noch lange nicht.

Aber (und jetzt könnte es für dich interessant werden), wenn genetisch bedingtes Normalverhalten, also rassebedingt unterschiedlich stark ausgeprägtes, aber dennoch normales Hundeverhalten immer wieder gedeckelt, verunmöglicht, gestört, gemaßregelt oder bestraft wird, kann dies wiederum zu Verhaltensstörungen führen.

Wenn wir von dem nachts bellenden Herdenschützer ein Verhalten erwarten, das diametral zu seinem Fähigkeiten und Bedürfnissen steht und diese Vorstellung drastisch, notfalls mit Gewalt (physischer oder psychischer) durchsetzen, obwohl die Haltungsbedingungen ohnehin für diesen individuellen Hund schon schwierig sind (Neubaugebiet, viele Gefahren, viele Reize, unübersichtliche Gegend, dauernde Grenzüberschreitungen usw.), ist es -finde ich- nicht besonders erstaunlich, dass das arme Tier 'ne Macke bekommt.

Fazit

Egal wie und woher: Auffälliges Verhalten sollte uns aufmerksam werden lassen. Es ist fast immer ein Hinweis auf ein Problemchen oder Problem. Leider beobachte ich immer wieder, dass besonders störendes Verhalten und auffälliges Verhalten so "nebenbei" symptomatisch wegtrainiert wird. 

 

Ich sag mal so: Ich habe mir nicht ohne Grund die Innenseiten meiner backen aufgekaut. Ist nie jemandem aufgefallen, war sicher noch keine Störung, aber im Nachhinein schon "auffällig" und definitiv ein Zeichen für meine innere Anspannung. Wäre die weggegangen, wenn ich mir das Backenkauen einfach versucht hätte, abzugewöhnen? Nein. Stattdessen habe ich dann halt mit dem rauchen angefangen. Cool. 

Besser wäre es gewesen, sich frühzeitig damit zu befassen, wieso ich innerlich so oft angespannt und ruhelos war und dagegen etwas zu tun. Nachdem ich mich damit beschäftigt habe und die Ursachen für die innere Anspannung weitestgehend beseitigt und andere, gesunde Bewältigungsstrategien entwickelt habe, sind auch die Symptome verschwunden.

 

Es empfiehlt sich also, dass du im Umgang mit kleinen und großen Verhaltensauffälligkeiten deines Hundes einen gründlichen Blick auf die Ursache für die Ursache wirfst. Nicht, dass dein Hund demnächst rauchend am gekippten Fenster steht 😶‍🌫️.

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